Montag, 23. Juni 2008
Berühre eine Blume, und die Sterne erzittern
Ich freue mich, dass Du wieder hier bist, komm, setz dich zu mir.
Es ist doch viel schöner, diesen warmen Abend zusammen zu genießen. Ich weiß, du bist noch unsicher, ob es wirklich meine Stimme ist, die du in dir hörst. Jetzt siehst du ja meine Farben, du nimmst meinen Duft wahr, du spürst mich. All das macht es dir leichter zu fühlen, was ich dir sage. Du kannst sicher sein, ich höre dich immer. Auch wenn du nichts sagst, höre ich dich.
Um mit mir zu reden, brauchst du gar nicht zu denken, im Gegenteil, je mehr Du denkst, umso schwieriger wird es sein. Deine Gedanken führen dich weit weg von mir. Du machst dir Sorgen um über das, was gestern war und was morgen sein wird. Das hat mit uns gar nichts zu tun. Sieh doch mal, die Wärme der Sonne, die Farben, der Duft, der leise Wind, all das kannst du mit Gedanken nicht erfassen. Du spürst es, und dann bist du in meiner Welt.
Dass Du jetzt meine Blüten bewunderst, macht mich glücklich und noch schöner. Schade, das du dich nicht sehen kannst, du blühst ja selbst gerade auf, weil du dich an mir erfreust und dadurch auch viel glücklicher wirst.
Weißt Du noch, wie es war, als du bei mir saßest und mich das erste Mal gehört hast? Du warst so durcheinander, dass du schnell weggegangen bist. Als du mich bei dir zu Hause immer noch gehört hast, hast du sogar Angst bekommen, Angst vor der Stimme einer Rose. Da wusstest du noch nicht, dass du mich immer und überall hören kannst. Die Entfernung spielt gar keine Rolle, du brauchst mich nicht unbedingt zu sehen, um mit mir zu sprechen.
Übrigens, auch wenn du dich nicht erinnerst, als Kind hast du mit uns allen viel geredet. Damals war es noch selbst verständlich für dich, draußen im Gras zu sitzen, und es war ganz gleich, ob ein Käfer vorbeikam oder ob du in eine Blüte hineingeschaut hast oder das grüne Moos anfasstest, du warst immer einer von uns, und du hast alle und alles verstanden.
Ich freue mich sehr, das du jetzt wieder beginnst, mit uns zu sprechen. Wir haben den Kontakt zu dir nie verloren. Für mich bist du kein Fremder, den ich erst kennen lernen muss. Du meinst jetzt, dass du mich gar nicht richtig kennst. Das stimmt. Du kannst mich nicht allein über den Verstand erfassen, du musst dich in mich hineinfühlen. Vertraue der Kraft deiner Vorstellung! Du bewunderst ja meine Blüte, warum stellst du dir nicht einfach vor, wie es ist, eine Rose zu sein oder nur die Blüte oder nur ein Blatt. Es geht doch ganz leicht. Ist es nicht ein schönes Gefühl, ein Blatt meiner Blüte zu sein? Rosenrot, ganz weich, viel weicher als Samt, und verlockend zu duften?
Du willst der Duft meiner Blüte sein? Auch gut. Ich wusste, du würdest dir etwas ganz besonderes aussuchen. Du wirst winzig klein, als Duft über den Blättern meiner Blüte machst du jetzt eine Reise im Lichtreich.
Hättest du je gedacht, dass du einmal auf einem Sonnenstrahl tanzt. Schau nach unten, zu mir, siehst du die vielen verschiedenen Farben, die aus dem Rot meiner Blütenblätter strahlen? Spring herunter ins Meer der Regenbögen!
Hab Vertrauen, das Licht trägt dich. Ja, es federt, spring ruhig herum, wenn es dir Spaß macht. Hast du gemerkt, dass das Licht, auf dem du gerade gesprungen bist, gar nicht von mir kommt? Schau nach, woher der Strahl kommt. Genau, von dem alten Kirschbaum, der da drüben steht. Du hast Recht, er versprüht überallhin Licht in allen Farben, wie du siehst, nicht nur einfach Grün, sondern Grün in allen Schattierungen, hundertmal Blau und Lila und zartes Gelb und jedesmal anders. Nie zuvor hast du gewusst, dass es so viele Farben gibt. Das Licht schickt der große alte Baum, es umfasst uns beide und das Gras unter uns. Es geht weiter als die Hecke, zu dem kleinen Wald oben am Hügel und noch viel, viel weiter. Das Licht hat einen Anfang aber kein Ende. Blick um dich herum, guck auch nach unten und nach oben, überall hin, du liegst auf einem kleinen Regenbogen in einem Meer aus Licht. Seine Strahlen kannst du ebenso wenig zählen wie die Sterne am Himmel der Nacht. Nein, du täuschst dich nicht, auch aus dir kommt Licht. Wir alle, die leben, haben dies gemeinsam, die kleinen Lebewesen der Erde um meine Wurzeln herum, alle Gräser und Kräuter, die Blumen und Bäume, genauso wie alle Tiere. Es ist das Licht des Lebens.

Merkst du, dass alle Strahlen, die Strahlen vom Baum, von der Hecke, deine Strahlen und auch die Strahlen, die von weit herkommen, sich gegenseitig berühren und kurz miteinander verschmelzen, bevor sie mich erreichen?
Verweile nicht zu lange bei der Schönheit der Lichter, was glaubst du, wozu sie da sind? Die Natur schafft nichts ohne einen tieferen Sinn. Ich verrate dir jetzt unser Geheimnis. Die Strahlen sind es, die uns ständig alles sagen, alles über die, die sie ausgeschickt haben. Auch über dich. Deshalb bist du für mich nicht fremd. Und wie du siehst, erreichen mich deine Strahlen immer, ob du mit mir redest oder nicht. Ob du hier bist oder anderswo.
Auch mein Licht erreicht dich und alle anderen Lebewesen, so wissen sie immer alles von mir. Du, der Mensch aber nicht. Die Menschen gehen seit langer Zeit nicht den Lichtweg, sondern den Weg des Verstandes. Seit unsere Wege sich trennten, können uns nur wenige von euch verstehen. Den Kontakt habt ihr zu uns abgebrochen, nicht wir zu euch. Wir im Regenbogenmeer sind allwissend und verstehen auch euch Menschen wie seit alters her.
Ich freue mich sehr, dass du heute zu uns gekommen bist. Immer, wenn einer von euch eine Blume oder einen Baum wirklich liebt, macht uns das so glücklich, dass wir größer und schöner werden und süßere Früchte tragen.
Du kannst jetzt noch nicht verstehen, dass das Zeitalter des Lichts auf euch wartet. Du ahnst nicht einmal, welche märchenhaften Möglichkeiten offen vor euch liegen, wenn ihr die Lichtsprache wieder versteht und ihr ein Teil von uns werdet. Aber du hast heute die Strahlen gesehen, wie sie sich berühren und hinter den Himmel reisen. Und du hast gespürt, was einer von euch schon vor langer Zeit erkannt hat:

Berühre eine Blume, und die Sterne erzittern.

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